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Off-Label-Use: Problem für die Therapiekette zwischen Klinik und Arztpraxis
Im Interview: Doz. Dr. sc. med. Günter Morack, Chefarzt der Frauenklinik Helios Klinikum Berlin Buch, Mammazentrum
Medikamenteneinsatz bei Behandlung von Krebspatientinnen ­ macht Ihnen der Off-Label-Use ein Problem?
Doz. Dr. Morack: Im wesentlichen nicht. Wenn wir es im klinischen Betrieb unserer Frauenklinik für notwendig halten, Medikamente, die nicht zur vorliegenden Indikation zugelassen sind, anzuwenden, tun wir das ausschließlich aus unserem ärztlichen Verständnis heraus, einer Patientin zu helfen. Das fällt uns insofern leicht, als dass wir als Krankenhaus im Rahmen von Fallpauschalen tätig sind, die keine Einschränkung von Medikamenten durch die Krankenkassen vorsehen.
Das ist aber nur die eine Seite. Seit Jahren arbeiten wir im Rahmen unseres Mammazentrums mit einer Reihe von niedergelassenen Ärzten zusammen. Von ihnen kommen unsere Patientinnen, zu ihnen gehen sie auch, nach etwaiger Operation oder darauffolgenden therapeutischen Maßnahmen bei uns in der Klinik, zurück.

Diese Zusammenarbeit hat sich außerordentlich bewährt. Sie erlaubt uns auch besser, als das zuvor der Fall war, einen Blick auf die Situation der niedergelassenen Kollegen. Wenn wir z. B. in die Chemotherapie mit Medikamenten eingestiegen sind, die, auf die Erkrankung der Patientin bezogen, nicht zugelassen sind und beim niedergelassenen Arzt nicht verordnet werden können bzw. nur auf Kosten der Frau, ist das für uns keine glückliche Lösung. Der Widerspruch verschärft sich weiter, wenn man davon ausgehen kann, dass die bei uns begonnene Therapie bei der betreffenden Patientin möglicherweise weniger Nebenwirkungen hat oder effizienter ist als eine andere, die von der Krankenkassen bezahlt wird.

Sie halten es also für notwendig, die vorliegenden Entscheidungen zum Off-Label-Use noch einmal zu überprüfen?
Doz. Dr. Morack: Auf jeden Fall. Es geht dabei um zwei Dinge: Eine Medizin, die eine qualifizierte auch medikamentöse Behandlung auf dem höchsten Standard zulässt, und es geht um Rechtssicherheit für den behandelnden Arzt. Es ist aus gesundheitspolitischer Sicht wichtig, Spielräume zuzulassen, in denen ärztliche Erfahrungswerte entscheidend sind bei der Therapie gerade solch lebensbedrohlicher Erkrankungen wie dem Mammakarzinom, zum anderen aber auch Rechtssicherheit zu schaffen, die solche Verordnungen möglich macht.

Wo sehen Sie Lösungsansätze?
Doz. Dr. Morack: Für eine gute Möglichkeit einer bestmöglichen Versorgung unter den gegebenen Umständen halte ich die Einbindung möglichst vieler Patientinnen in klinische Studien. Zur Zeit laufen an unserem Haus acht derartiger Studien, in die, bis auf wenige Ausnahmen, eigentlich alle Patientinnen eingebunden sind. Das hat noch dazu den Vorteil, dass uns damit die vorgegebenen Fallpauschalen nicht einengen. So können wir unseren Patientinnen Zugang zu hochwirksamen medikamentösen Therapien verschaffen. Tatsache bleibt es, dass Zulassungsstudien gerade bei Erkrankungen, die viele Menschen betreffen, unumgänglich sind. Andererseits erleben wir im klinischen Alltag und auch in der Onkologie immer wieder auch Krankheitsbilder, die die Anwendung von Arzneimitteln notwendig machen, die nicht für diese spezielle Erkrankung zugelassen sind. Einfach auch aus dem Grund, weil sich wegen der Seltenheit der Erkrankung niemals eine relevante Studiengruppe zusammenstellen ließe. Diesen Alltagsbedingungen muß sich die Gesundheitspolitik und die entsprechenden Gremien in ihren Entscheidungen bezüglich Off-Label-Use stellen.

 
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