Virtueller Runder Tisch - Zukunft Gesundheit
 HomeSchlagwortindex zur ThemensucheArtikelarchiv durchsuchen
Zornige Bestandsaufnahme: „Heilen verboten, töten erlaubt“
Wenn die Gesundheitsszene jetzt nicht so viel mit sich selbst zu tun hätte, würde sie möglicherweise aufschreien. Denn das ist schon hart, was Wissenschaftsautor Kurt G. Büchel über „Die organisierte Kriminalität im Gesundheitswesen“, so der Untertitel, zu berichten weiß. Unwissen und Betrug, Schlamperei und Ignoranz, Bestechlichkeit und unerträgliche Gewinnsucht – das alles sagt er der Medizinerkaste nach. Den Beweis dafür, dass das deutsche das beste Gesundheitssystem weit und breit sei, wie es von der Gesundheitslobby (Blüchel nennt Ross und Reiter) allenthalben proklamiert wird, bleiben deren Gutredner schuldig, Denn die Fakten sprechen eine andere Sprache.
Was Ärztefunktionäre im Zusammenhang mit jüngsten Abrechnungsbetrügereien als Ausnahmen und Randerscheinungen deklarieren, hat, laut Blüchel, Methode und wird in großem Stil betrieben. Zum Schaden der Krankenkassen und Beitragszahler, in erster Linie aber auf Kosten der Patienten.

Wie notwendig zum Beispiel eine qualifizierte Fortbildung für die Ärzteschaft ist, belegt der Autor an einer Vielzahl von Fakten. Zitat: „Kritische Ärzte schätzen, dass jedem Arzt pro Jahr wenigstens ein grober Schnitzer unterläuft, mindestens jeder vierte einen Todesfall zu verantworten hat – bei insgesamt 270.000 in Kliniken und niedergelassenen Praxen tätigen Medizinern wären das fast 70.000 Tote jährlich.“ Einen Ärzte-TÜV aber weisen Standesverbände brüsk zurück, strukturierte Behandlung nach Leitlinien gilt ihnen als „Listenmedizin“. Der Versicherte kann sich noch darüber wundern, ist er einmal Patient, wird es ihm schmerzhaft zu Bewusstsein kommen.

Wie auch dies: Ärztliche Fehler, Falschbehandlungen, Desinformation und unterlassene Hilfeleistungen sind vor Gericht kaum einzuklagen. Nur wenige Gutachter finden sich bereit, gegen Kollegen zu entscheiden, den Gerichten aber fehlen Sachkenntnis und Übersicht.
In weiteren Kapiteln setzt sich Blüchel mit der Pharmaindustrie auseinander, die an wenig wirksamen Arzneimitteln Milliarden verdienen und in deren Visier der medikalisierte Patient ist. Aufschlussreich und bedrückend zugleich sein Ausflug in die unrühmliche Vergangenheit deutscher Ärzte, die sich wie kaum ein anderer Berufsstand mit dem Nationalsozialismus verbanden, dafür aber nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.

Der beunruhigte Ausleser fragt sich: Soll ich dies meinen Freunden zu lesen geben, das Buch weiterempfehlen? Wir alle sind irgendwann Patienten mit dem Wunsch nach Vertrauen in die uns behandelnden Ärzte. Dieses aber ist nach der Lektüre des Buches stark erschüttert.

Kurt G. Blüchel
Heilen verboten, töten erlaubt
Die organisierte Kriminalität im Gesundheitswesen
416 Seiten
€ 22,90
ISBN 3-570-00703-0
C. Bertelsmann Verlag, München
 
In den Foren
Seien Sie der Erste, der diesen Beitrag kommentiert >>>
 Zum Seitenanfang