Virtueller Runder Tisch - Zukunft Gesundheit
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Nur ein kranker Bürger ist ein guter Bürger?
Von Annegret Hofmann
Von Ärzten hört man gelegentlich, ihre Patienten erwarteten es, bei jedem Praxisbesuch ein oder zwei Medikamente verordnet zu bekommen. Sonst fühlten sie sich mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen, wechselten gar den Arzt.
Sollte das ein Grund sein, warum Pharmahersteller, nicht selten in trauter Zusammenarbeit mit Ärzten, immer mehr Medikamente zur Verfügung stellen - darunter solche für Krankheiten, die es gar nicht gibt?

Tatsache ist: Auf dem Gesundheitsmarkt der (Profit-)Möglichkeiten tauchen immer mehr Malaisen auf, die schlichtweg, so jedenfalls sieht es "Spiegel"-Autor Jörg Blech, von den Arzneimittelstellern erfunden, hochgepuscht, reingedrückt sind. In seinem Buch "Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden" nennt Blech solche Volks- und Modekrankheiten wie Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen), ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom), aber auch Potenzstörungen und Osteoporose. Eine Liste, die beliebig fortgesetzt werden könnte. Dazu kommen laut Blech intensive Bemühungen der Firmen, unter Heranziehen scheinbar wissenschaftlicher Hochrechnungen und Studien, real vorhandene Erkrankungen hochzustilisieren und diese weiten Bevölkerungskreisen unterzujubeln. Der Autor nennt die anempfohlene Senkung des Cholesterinspiegels: Die Grenzwerte zur Krankheit wurden in den letzten Jahren, wissenschaftlich eigentlich nicht begründbar, immer weiter herabgesetzt. Mit dem Ergebnis, dass in manchen Altersgruppen fast alle einen zu hohen Cholesterinspiegel haben - und fleißig Pillen schlucken müssen. Ähnliches gilt laut Blech für den Bluthochdruck.
Vielleicht freut das den vermeintlich ernstgenommenen Patienten, noch mehr aber dürfte es die Arznemittelhersteller und in die ebenfalls mitverdienenden Ärzte freuen.

Pharmaunternehmen, die in diesem lesenswerten Buch (möglicherweise zufällig) nicht angezählt wurden, freuen sich, noch mal davon gekommen zu sein. "Vieles ist übertrieben, aber eigentlich stimmt es ja", meinte ein leitender Mitarbeiter eines international agierenden Konzerns gegenüber der Rezensentin.

Jörg Blech "Die Krankheitsmacher. Wie wir zu Patienten gemacht werden", S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 256 S., ISBN 3-10-004410-X, 17,90 EUR
 
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