Virtueller Runder Tisch - Zukunft Gesundheit
 HomeSchlagwortindex zur ThemensucheArtikelarchiv durchsuchen
"Kranke Kinder im Abseits?"
Bakuk, BeKD,GKinD: "Politik vermag mehr, als sie glaubt"
Über die drohende Verschärfung der bereits bestehenden Schieflage bei der Versorgung kranker Kinder und Jugendlicher informierte die Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus (Bakuk) zusammen mit ihren Mitgliedsverbänden Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen Deutschland (GKinD) und Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland (BeKD) in der Bundeshauptstadt bei einem Parlamentarischen Abend unter der Überschrift 'Kranke Kinder im Abseits?'.

"Und wenn es manchem noch so abgedroschen erscheint, wir werden nicht müde, immer wieder zu sagen und zu erklären, was das bedeutet: 'Kinder sind keine kleinen Erwachsenen'", erklärte Bakuk-Vorsitzender Professor Werner Andler. Kranke Kinder und Jugendliche gehörten ins Kinderkrankenhaus. "Bei aller Dankbarkeit für gewisse Entwicklungen und Teilerfolge: Hier kommt es auf den politischen Willen an, elementare Rechte kranker Kinder nicht nur wohlwollend zu bekunden, sondern unsere Forderung nach der Behandlung kranker Kinder im Krankenhaus auch in die Gesetzgebung aufzunehmen. Politik vermag mehr, als sie denkt", so der Bakuk-Vorsitzende.

Christine Grotensohn (AKiK)
machte deutlich, dass genau dies bisher nicht geschehen ist: "Obwohl die Bundesrepublik Deutschland mit der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention Anfang der 90er Jahre zugesagt hat, die darin verbrieften Rechte in nationales Recht umzusetzen." Stattdessen würden mehr als 45 Prozent (aktuelle Zahlen aus 2000) aller kranken Kinder und Jugendlichen in Erwachsenenabteilungen versorgt, geplante Rückschritte zurückgenommen und dann als Erfolg gebucht (wie die auf vielfachen öffentlichen Druck dann doch beibehaltene spezialisierte Ausbildung in der Kinderkrankenpflege) oder die Aufnahme von Nachsorgeprogrammen für Kinder mit bestimmten Krankheitsbildern in den Krankenhausbereich. Die UN-Kinderrechtskonvention gelte jedoch nicht nur für Kinder mit bestimmten Krankheitsbildern, sondern für alle Kinder im Krankenhaus. Daher ihre Forderungen im Einzelnen: "Kein Bettenabbau in Kinderkliniken, solange Kinder im gleichen Haus von Erwachsenenabteilungen versorgt werden, Anerkennung des Fehlbelegungsprinzips auch bei Kindern in Erwachsenenabteilungen und die Schaffung von Abrechnungsgrundlagen für die Versorgung von Kindern, die den spezifischen Krankenhausbehandlungen von Kindern folgen."

"Der Pflege- und medizinische Bedarf eines kranken Kindes richtet sich nicht nach vollen oder leeren Haushaltskassen, sondern ist einfach existent und muss geleistet werden." Birgit Pätzmann-Sietas (BeKD-Vorstandsmitglied) führte vier wesentliche Faktoren an, die den Pflegeaufwand bei Kindern (gegenüber dem Erwachsenen) maßgeblich erhöhten. So seien Kinder bis zu einem gewissen Alter nicht in der Lage, ihre Selbstpflegedefizite (essen und trinken, sich anziehen, auf die Toilette gehen) auszugleichen, sondern benötigen, um sich entwickeln zu können, - entsprechende Betreuung und Anreize. Die Eltern seien einzubeziehen und zu beraten. Kinder mit chronischen Erkrankungen müssten altersentsprechend geschult werden. "Und nicht zu unterschätzen: Kinder brauchen ständige Überwachung, sie halten nicht einfach still und lassen diagnostische bzw. therapeutische Prozeduren wie etwa Blutabnahme oder Herzkathederuntersuchungen über sich ergehen, ganz abgesehen, dass diese - anders als bei Erwachsenen - grundsätzlich von einem Ärzteteam (z.B. Kardiologe+Nakosearzt+Kinderkrankenschwester) durchgeführt werden müssen."

Mit der Einführung des neuen Krankenhausfinanzierungssystems DRG´s werde (mit Ausnahme einiger weniger Alterssplits) zum ersten Mal, seit es Anhaltszahlen für die Besetzung der Krankenhäusern mit Pflegekräften und Ärzten (1951ff.) gibt und seit der Berechnung von Pflegepersonalbedarf in der Bundesrepublik (1993), der erhöhte Personalbedarf bei der Versorgung kranker Kinder nicht berücksichtigt. Anhand von Kalkulationsdaten für die stationäre Versorgung von 22.000 Kindern in sechs Kinderkliniken sei ermittelt worden, dass die Personalkosten auf den Stationen (Normal-, Intensivstation) um mehr als 40 Prozent teurer sind als in der bundesdeutschen Referenzgruppe der Rohfallkostenkalkulation. Den Löwenanteil machten hierbei die Pflegekosten aus. Pätzmann-Sietas: "Obwohl Kinder eine oftmals kürzere stationäre Verweildauer haben als Erwachsene, sind diese Kosten trotzdem so viel höher!".

Seit 1969 wisse man verbindlich, so führte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der GKinD, Andreas Wachtel, aus, dass der Personalaufwand in Kinderkliniken und -abteilungen höher sei, und zwar um 25 Prozent, als der in Erwachsenenkrankenhäusern. "Das ist so gesehen also nichts Neues." Die stationäre Kinder- und Jugendmedizin habe sich positiv und frühzeitig der Einführung des neuen Krankenhausfinanzierungssystems DRGs gestellt und in der verbändeübergreifenden GKinD-Arbeitsgruppe DRGs intensiv an konstruktiven Vorschlägen zur Anpassung der australischen DRGs an die besonderen Bedürfnisse der deutschen Kinder- und Jugendmedizin gearbeitet. "Wir haben beim Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) fristgerecht unsere zielgerichteten Verbesserungsvorschläge vorgelegt, die zudem einfach umsetzbar sind." Die DRG-Arbeitsgruppe hatte Altersplits bei zahlreichen DRGs für die Kinder- und Jugendmedizin gefordert, die nur auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen spezialisierte Einrichtungen, also Kinderkliniken und Kinderabteilungen zutreffen. Nach den dazu veröffentlichten Ergebnissen des InEK reiche, so Wachtel, die Datenlage derzeit noch nicht aus, um die besonderen Kostenstrukturen von Kinderabteilungen, insbesondere aber von selbständigen Kinderkliniken darzustellen.

"Auch wenn es sich bei dem neuen Krankenhausfinanzierungssystem um ein sogenanntes lernendes System handelt, reicht die Übergangszeit jetzt nicht mehr, um noch angemessene Finanzierungsbedingungen für die Kinderkrankenhäuser zu schaffen und es ist abzusehen, dass ohne entsprechende Anpassung insbesondere zahlreiche der eigenständigen bzw. organisatorisch selbstständigen Kinderkliniken in den Ruin getrieben werden", so Wachtel. Es müsse daher eine geeignete zeitlich angemessene Übergangslösung für Kinderkliniken geben. Die könne man dazu nutzen, um weitere Daten über die Kosten in Kinderkliniken und Kinderabteilungen zu erheben, die dann eine präzise Beurteilung der verschiedenartigen Kostenstruktur in eigenständigen und unselbständigen Einrichtungen zuließen. Wachtel: "Das ist aber aufgrund des komplexen und widersprüchlichen Rechnungswesen im deutschen Krankenhauswesen kurzfristig nicht möglich. Wir brauchen mehr Zeit, um die Qualität der Kalkulationsdaten zu verbessern."



Begrüßung:
Prof. Dr. Werner Andler (BaKuK)

  
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
 
ich freue mich, daß das Interesse an der Kinder- und Jugendmedizin weiterbesteht und Sie unserer Einladung gefolgt sind.
Ich begrüsse die Herren und Damen Abgeordneten, aber auch die Vertreter der Mitgliederverbände der Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus.
 
Es ist schade, daß wir immer aus der Not heraus zusammenkommen, aber das Motto unserer Einladung steht unverändert unter der Sentenz: „Kinder im Abseits“. Ich hoffe, daß wir uns eines Tages unter einem erfreulicheren Motto treffen werden. Ich fürchte aber, daß bis dahin viel Geduld brauchen.
 
Zugegebenermaßen haben wir auch Grund zur Dankbarkeit für gewisse Entwicklungen und Teilerfolge.
 
So ist die Politik gegenüber unserer Forderung nach der Behandlung kranker Kinder im Kinderkrankenhaus sehr aufgeschlossen. Die Gesundheitsministerkonferenz der Länder hat dazu eine Entschließung gefaßt. Wir sehen dies als Anfang. Auch die Bundesregierung steht dieser Forderung im Sinne unserer Patienten sehr offen gegenüber. Leider ist dazu noch nicht viel geschehen.
 
Frau Grotensohn, die lange Zeit das Aktionskomittee Kind im Krankenhaus als Elternverband geleitet hat, nimmt heute als Ehrenmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus teil und wird noch einmal auf diesen Punkt eingehen.
 
Der zweite Punkt betrifft die Kinderkrankenpflege, wo es uns immerhin gelungen ist, den Ausbildungsberuf als solchen zu erhalten, wenn auch die Gefahr besteht, daß er durch die Ausbildungsbestimmungen verwässert wird.
 
Dies soll aber heute nicht unser Thema sein. Wenn Frau Zoller, die den Berufsverband der Kinderkrankenpflege vertritt, nachher das Wort ergreift, so geschieht dies viel mehr um deutlich zu machen, was Kinderkrankenpflege in der Praxis überhaupt bedeutet. Es geht darum, daß der Pflegeaufwand in der Kinder- und Jugendmedizin im allgemeinen sehr viel höher ist als im Erwachsenenalter. Und dieser hohe Pflegeaufwand muß finanziert wird oder wir fallen in Verhältnisse zurück, die wir seit Jahrzehnten überwunden glaubten.
 
Schließlich kommen wir zu unserem drängendsten Problem. Die ersten Kalkulationen zum Vergleich zu den Erlösen im DRG-System gegenüber der bisherigen Finanzierungsart haben einen erheblichen Rückstand ergeben.
 
Dieser Rückstand ist nichts anderes als der höhere Personalbedarf gegenüber der Erwachsenenmedizin, der hier mit einem Schlag evident wird. So einfach ist das.
 
Dann kam es zu Änderungen in der DRG-Systematik. Die GKind hatte Alterssplitts vorgeschlagen. Ein kleiner Teil wurde umgesetzt. Er war aber nicht mit einer Umverteilung von der Erwachsenenmedizin verbunden, sondern mit einer Umverteilung innerhalb der Kinder- und Jugendmedizin. Ja, vor allem sogar innerhalb der Neonatologie.
 
Einige seltene Krankheiten wurden zwar besser bewertet, auch die pädiatrische Onkologie, aber das Gros, die einfachen Erkrankungen, mit denen die Kinderheilkunde ihre Einnahmen verdienen muß, wurden abgewertet. Am Ende zeigte die Version 2004 eine Verschlechterung der Kinderheilkunde um weitere 3 – 6%.
 
Wir lesen im Ärzteblatt, daß fast alle Fächer zufrieden sind. Das gilt auch für die Geriatrie, das andere Sorgenkind. Aber die Pädiatrie steht tatsächlich im Regen. Mit dieser Situation wird sie nicht fertig werden und nicht überleben. Hier muß etwas Einschneidendes geschehen. Das können wir so nicht hinnehmen.
 
Die Kinderheilkunde braucht andere Alterssplitts oder Zuschläge, die am besten nur an Einrichtungen der Kinder- und Jugendmedizin gehen. Damit wäre gleichzeitig etwas getan für das Anliegen: Kinder gehören nicht in Erwachsenenkliniken.
 
Übrigens sollte ein anderer Gesichtspunkt in diese Überlegungen eingehen. Die Kinder- und Jugendmedizin macht nur maximal 8 % aller Betten aus und noch weniger am stationären Finanzvolumen. Es handelt sich also nicht um Riesenbeträge, die der Kinderheilkunde aus ihrer Misere helfen könnten.
 
Wenn wir jetzt davon sprechen, die DRG-Systematik sei ein lernendes System, so sollte man aber nicht mit einem Riesendefizit an den Start gehen. Wenn die Kinderheilkunde durch einen Fehlstart an die Wand gefahren ist, wird es sehr schwer sein, ihr wieder auf die Beine zu helfen. Eile tut also Not.
 
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir sind von unserer Grundhaltung her Optimisten. Die Erfahrung lehrt uns aber, daß wir Tölpel wären, wenn wir alles dem Zufall oder einem höheren Geschick überlassen würden. Wir bitten die Politik, uns in unseren Bemühungen nicht im Stich zu lassen !
 

Statement
Christine Grotensohn (BaKuK/AkiK)

 
Der einleitende Satz der vor 16 Jahren von 11 europäischen „Kind im Krankenhaus“ - Initiativen in Leiden / Niederlande verfassten „Charta für Kinder im Krankenhaus“ – auch EACH-Charta genannt – lautet:
 
„Das Recht auf bestmögliche medizinische Versorgung
ist ein fundamentales Recht, besonders für Kinder“
 
Und so, meine Damen und Herren, steht es in vielen Aussagen, wenn es um die Ver-sorgung von Kindern im Krankenhaus geht. Die BaKuK hat es als Schlüsselsatz in ihre Satzung aufgenommen, andere Verbände arbeiten mit diesem Anspruch, und auch von politischer Seite ist dies zu hören.
 
„Wir wollen die bestmögliche Behandlung von Kindern“ sagte Herr Dr. Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, im November vergangenen Jahres, als die DGKJ zum Thema „Kinder in Erwachsenenabteilungen“ eine Pressekonferenz hier in Berlin abhielt.
 
Wir sind in guter Gesellschaft mit dieser Aussage, schließlich ist sie aus den Artikeln 3 „Wohl des Kindes“, 12 „Berücksichtigung des Kindeswillens“,  24 „Recht auf das Höchstmaß an Gesundheit“ sowie aus den Artikeln 28,29 und 31 zum Recht auf Bil-dung, Spiel und Freizeit der UN-Kinderrechtskonvention abzuleiten.
 
So könnten wir uns eigentlich beruhigt anderen Themen zuwenden, denn mit der Rati-fizierung der UN-Kinderrechtskonvention Anfang der 90er Jahre hat die Bundesrepu-blik Deutschland zugesagt, die darin verbrieften Rechte in nationales Recht umzuset-zen.
Aber: Es geschieht nicht. Was geschieht, sind Teilansätze. Da werden bereits geplante Rückschritte zurückgenommen und als Erfolg verbucht (siehe Beibehaltung des Aus-bildungsberufes Kinderkrankenpflege) oder Nachsorgeprogramme bei bestimmten Krankheitsbildern in den Krankenhausbereich aufgenommen.
Elementare Rechte kranker Kinder - z.B. ihre Betreuung ausschließlich durch qualifi-zierte Berufsgruppen - sind bisher nicht in die Gesetzgebung übernommen worden.
 
Aber es steht nicht in der UN-Kinderrechtskonvention, dass die Rechte nur für Kinder mit bestimmten Krankheitsbildern gelten sollen – nein, es geht um alle Kinder, hier um alle Kinder im Krankenhaus.
 
Drei Fragen gilt es zu klären: Worüber reden wir, wenn wir von allen Kindern im Kran-kenhaus sprechen? Wie weit geht die Altersgruppe „Kinder“? Und: Was verstehen wir unter der bestmöglichen Behandlung von Kindern?
 
? Ein paar Zahlen: Beinahe jeder 11. Patient im Krankenhaus gehört der Gruppe der Kinder und Jugendlichen an – im Jahr 2000 waren dies ca. 1.85 Mio. Kinder. Von diesen wurden, errechnet aus Angaben des Statistischen Bundesamtes, 45,2 Pro-zent in Erwachsenenabteilungen versorgt.
? Die mit „Kinder“ umschriebene Altersgruppe ist sowohl von der WHO als auch von der UN-Kinderrechtskonvention mit der Gruppe der 0 bis 18-Jährigen festgelegt.
? Und als dritte Frage: Bestmögliche Behandlung für alle Kinder? Wie der o.g. Pro-zentsatz von Kindern in Erwachsenenabteilungen belegt, werden beinahe die Hälfte aller Kinder im Krankenhaus von Personal betreut, das nicht auf die gesund-heitlichen, pflegerischen und psychischen Bedürfnisse von Kindern spezialisiert ist. Dabei gibt es diese Spezialisten! Die bestmögliche Behandlung wäre also für alle Kinder möglich.
 
Wie die bestmögliche Behandlung von Kindern im Krankenhaus nach und nach umge-setzt werden kann, haben wir als Elternverband zu vielen Gelegenheiten deutlich ge-macht:

• Kein Bettenabbau in Kinderkliniken, Kinderabteilungen oder kinderchirurgischen Einrichtungen, solange Kinder im gleichen Haus in Erwachsenenabteilungen ver-sorgt werden!
• In einem weiteren Schritt kann dies für einen Einzugsbereich von z.B. 60 km gel-ten!
Anerkennung des Fehlbelegungsprinzips auch bei Kindern in Erwachsenenabtei-lungen!
Abrechnungsgrundlagen für die Versorgung von Kindern, die den spezifischen Krankenhausbehandlungen von Kindern folgen und nicht dem Erwachsenensystem unterstellt werden (z.B. Auslastung, Mitaufnahme einer Begleitperson, hohe saiso-nale Belegung).

 
Dem Argument, die Politik könne in die gesundheitliche Versorgung von Kindern nicht eingreifen, kann ich seit den jüngsten Veränderungen im Gesundheitswesen nicht mehr folgen:

• Wenn es der Politik gelingt, so in die deutsche Sprache einzugreifen, dass aus „mehr Eigenverantwortung“ eine „finanzielle Mehrbelastung“ wird,
• wenn es der Politik gelingt, im Zeitalter des bargeldlosen Zahlungs-verkehrs Arzt-praxen zu Bargeld-Einzahlstellen zu machen,
• wenn es der Politik gelingt, allein per Einfügung des Wortes „schwer“ die Gruppe der chronisch Kranken auf einen Bruchteil zu reduzieren

dann kann es, meine Damen und Herrn des Gesundheitsausschusses, für mich kein Argument mehr geben, die Politik könne hier nicht regelnd eingreifen – wenn sie es will.
 
(Christine Grotensohn, Bundesvorsitzende des AKIK von 1986 bis 1992, Geschäftsführerin von 1992 bis 2000
im Auftrag des AKIK-Bundesvorstandes)

 

Statement
Birgit Pätzmann-Sietas (BeKD)

 
Der höhere Personalbedarf in der Kinderheilkunde gegenüber der Erwachse-nenmedizin findet im neuen Finanzierungssystem bisher keine Berücksichti-gung.
 
Ich möchte im Vorwege darauf hinweisen, dass sich mein Statement überwie-gend auf den Personalbedarf in der Kinderkrankenpflege bezieht. Denn dieser Personalkostenfaktor ist bei der Versorgung erkrankter Kinder auch der Größte!
 
Schon seit 1951 existieren in der Bundesrepublik Anhaltszahlen für die Per-sonalbesetzung der Krankenhäuser mit Pflegekräften und Ärzten. Es hat sich vom Jahre 1951 bis zum Jahre 1993 hindurch immer wieder dargestellt, dass es einen erhöhten Personalbedarf bei der Versorgung erkrankter Kinder gibt und dass für Kinder Leistungen und Pflegeaufwendungen in höherem Umfang erbracht werden müssen als für Erwachsene.
Zuletzt fand dies 1993 Beachtung, als vom BMG Expertengruppen zur Ermitt-lung des Pflegebedarfes eingerichtet wurden. Es wurden daher damals auch
2 Expertengruppen initiiert. Nämlich eine, die den Pflegebedarf bei Erwachse-nen ermittelte und eine, die den Pflegebedarf bei Kindern bestimmte.
Die anfallenden Minutenwerte, die für eine Leistung benötigt werden, wurden für die jeweilige Patientengruppe mittels Zeiterfassung dargestellt.
 
Beschrieben wurde der erhöhte Personalbedarf für Kinder in vielen betriebs-wirtschaftlichen Publikationen wie Krankenhausbetriebslehre Bd.I / Eichhorn, in der DKG Schrift „Anhaltszahlen- eine Dokumentation der Jahre 1951- 1979“ und in der Veröffentlichung der Pflegepersonalregelung für Kinder 1993.
 
Die Budgetdeckelung seit 1993 und die jährlichen Tarifsteigerungen haben in den Kliniken zur Folge, dass Personal, auch Pflegepersonal, in nicht geringem Umfang abgebaut werden musste.
Demgegenüber muss man jedoch sagen, dass sich der Pflegebedarf eines Kin-des nicht nach vollen oder leeren Haushaltskassen des bundesdeutschen Ge-sundheitswesens richtet.
Der Pflege- und ärztliche Bedarf eines Kindes ist einfach existent und er muss täglich, 24 Stunden rund um die Uhr auf der Station geleistet werden.
 
Warum dieser Pflegebedarf an sich bei einem Kind höher ist als bei einem Er-wachsenen, möchte ich an Hand vier wesentlicher Faktoren verdeutlichen:
 
1. Zuerst muss hierbei die körperliche und psychosoziale Entwicklung des Kindes genannt werden. Ein Kind ist bis zu einem gewissen Alter nicht in der Lage, seinen Selbstpflegebedarf zu realisieren. Dieser muss in den Kliniken von Kinderkrankenschwestern und Kinderkrankenpflegern erfüllt werden.
z. B: ist ein Kind bis zu einem gewissen Alter auch wenn es gesund ist, nicht in der Lage, seine Nahrungsaufnahme selbstständig durchzufüh-ren, sich anzukleiden, seine Ausscheidungen zu kontrollieren etc., es benötigt Beschäftigung und Anreize, um sich wohl zu fühlen und sich entwickeln zu können.
 
2. Heute hat die Kinderkrankenschwester in der Klinik für Kinder- und Ju-gendmedizin im Regelfall nicht nur das Kind selbst, sondern auch meist einen aufgeregten Elternteil, der beraten und getröstet werden muss und den sie zugleich in die therapeutische Pflege einzuweisen hat.
 
3. Die ärztliche Untersuchung eines Kindes und das Durchführen von Pro-zeduren sind mit einem deutlich höheren Personalaufwand verbunden. Ein Kind lässt eine Blutentnahme nicht freiwillig über sich ergehen, „hält nicht still“ bei einer Lumbalpunktion, und liegt nicht ruhig im Kernspinto-mograph, auch Herzkatheteruntersuchungen und Stenteinlagen können nicht wie bei einem Erwachsenen nur in Beisein eines Arztes durchge-führt werden. Es ist das Hinzuziehen von Anästhesisten notwendig und eine anschließende genaue Überwachung, denn ein Säugling und Klein-kind kann nicht klingeln, wenn es nachblutet oder sein Zustand sich ver-schlechtert.
 
4. Kinder mit chronischen Erkrankungen wie z. B. Diabetes mellitus oder Mucoviscidose müssen individuell und altersentsprechend geschult wer-den,  um mit ihrer Erkrankung umgehen zu lernen. Zudem müssen auch die Eltern dabei von der Kinderkrankenschwester angeleitet und beraten werden.
 

Mit Einführung der DRG´s erfährt (bis auf die Ausnahme einiger weniger Al-terssplits) zum ersten Mal seit der Berechnung von Personalbedarf in der Bun-desrepublik der erhöhte Personalaufwand bei der Versorgung erkrankter Kinder keine Berücksichtigung.
 
In der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland (GKinD) wurde anhand von Kalkulationsdaten aus 6 Kinderkliniken ermittelt, dass die Personalkosten auf den Stationen (Normalstation, Intensiv-station) in Kinderkliniken um über 40% teurer sind, als in der bundesdeutschen Referenzgruppe der Rohfallkostenkalkulation. Den Löwenanteil dieser Perso-nalkosten (Arzt, Kinderkrankenpflege, MTD) machen hierbei die Pflegekosten aus. Obwohl Kinder eine oftmals kürzere stationäre Verweildauer haben als Er-wachsene, sind diese Kosten trotzdem so viel höher!
 
Meiner Meinung nach ist zu befürchten, dass durch die Nichtrefinanzierung der Besonderheiten des erhöhten Personalbedarfes es zuerst zu Schließungen ei-genständiger Kinderkrankenhäuser kommen wird, da diese keinen Finanzaus-gleich anderer Fachabteilungen erfahren können. Auch kleinere Abteilungen, bei denen eine Mindestbesetzung an Personal vorgehalten werden muss, wer-den in ihrer Existenz gefährdet sein. Eine flächendeckende stationäre Pädiatri-sche Versorgung akut und chronisch kranker Kinder ist somit in Gefahr.
 
(Birgit Pätzmann-Sietas, Kalkwiesen 34, 21640 Horneburg)


Statement
Andreas Wachtel (GKinD)


Im letzten Jahr der budgetneutralen Phase stehen die Kinderklinken in unserem Land mit dem Rücken zur Wand.

Die uns vorliegenden Zahlen, die wir auf der Basis von 81.173 Fällen ermittelt haben, sind alarmierend. In 10 der 12 an der Untersuchung beteiligten Kinder- und Jugendkliniken führt die fehlende Berücksichtigung des höheren Personalaufwands bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen zu einem Defizit von ca. 30% des bisherigen Budget. Diese für das nächste Jahr zu erwartenden Verluste sind durch Einsparungen nicht auszugleichen. Der Wegfall eines Drittels ihrer bisherigen Einnahmen bedeutet nicht nur das Ende dieser Kinderklinken, sondern auch den Anfang vom Ende für die Kinder- und Jugendmedizin überhaupt.

In der Vergangenheit wurde in den äußerst kontrovers geführten Pflegesatzverhandlungen mit den Krankenkassen, bei allen höchst differenten Betrachtungen zur Finanzierung einer Kinderklinik, eines von den Krankenkassen immer als unverzichtbare Besonderheit bei der Behandlung von kranken Kindern im Budget berücksichtigt, und zwar der erhöhte Personalaufwand.

Ein Blick zurück ist an dieser Stelle geboten. Bereits 1969 wurde für die Pflege von Kindern ein Mehraufwand allein von 25 % berücksichtigt und Frühgeborene wurden damals bereits mit einem zusätzlichen Pflegeaufwand von 73 % bewertet. Wenn wir heute den Vergleich zwischen Erwachsenen- und Kinderkrankenpflege mit den Minutenwerten der Pflegepersonalregelung ziehen, so haben wir über alle Altersgruppen, d.h. vom Frühchen bis zum Jugendlichen im Durchschnitt einen um 79 Minuten pro Patient und Tag erhöhten Pflegeaufwand. Dies hört sich auf den ersten Moment nicht besonders viel an, spiegelt aber den erhöhten Personaleinsatz in der Kinderkrankenpflege von 76% gegenüber der Erwachsenenpflege wieder.

Angesichts allein dieser klar zu belegenden Unterschiedlichkeit und der Weigerung, diese Besonderheiten bei der Behandlung von kranken Kindern und Jugendlichen ausreichend zu berücksichtigen, ist es überhaupt nicht verwunderlich, daß die Kinderklinken in der Bundesrepublik um ihre Existenz fürchten müssen.

Im Mutterland unserer DRG´s, Australien, wurde dies erkannt und durch eigene Kostengewichte für die Kinder- und Jugendmedizin bei womens- and childrens hospitals berücksichtigt.

Bei den G-DRG´s wird ja sehr gerne und nachdrücklich darauf verwiesen, dass wir ein lernendes System etabliert haben. Diese im Grundsatz sehr zu begrüßende Eigenart hat leider für die Kinderkliniken einen entscheidenden Nachteil, die Geschwindigkeit, oder besser die Trägheit des Lernprozesses wird dazu führen, das am Ende der Ruin der Lernenden stehen wird.

Was ist zu tun? Wir brauchen Zeit, Zeit um Daten zu erheben, zu bewerten und gemeinsam in die G-DRG-Systematik einfließen zu lassen. Wir reden hier nicht über den Sankt Nimmerleinstag sondern über zwei, drei zusätzliche Jahre, in denen man die Datenbasis auf solide Beine stellt. Nur dann werden wir wissen was wir tun, denn es kann und darf nicht sein, ein Experiment mit klar absehbaren fatalen Folgen für die Schwächsten in unserem Gesundheitssystem gegen alle Vernunft, durchzusetzen.

Ich bin mir sicher, daß alle Verantwortung Tragenden das Ziel haben, die Behandlung von kranken Kindern und Jugendlichen auch für die Zukunft zu sichern. Damit dies möglich wird brauchen wir einen Sicherstellungszuschlag auf die DRG´s der für die Zeit der notwendigen Erhebung einer aussagekräftigen und tragfähigen Datenbasis ein Überleben sichert um zu lernen. Wir wollen nicht aus dem System der DRG´s ausbrechen, wir wollen lediglich eine Chance, unsere Arbeit für kranke Kinder und Jugendliche weiter zu führen.

Am Ende bleibt mir nur eines, bitte helfen Sie uns, helfen Sie uns,die Versorgung kranker Kinder zu sichern.
In den Foren
Seien Sie der Erste, der diesen Beitrag kommentiert >>>
 Zum Seitenanfang