Tabakprävention: Ärzte werben „ohne Vorwurf für Veränderungen“
Artikel vom 17.09.2004 15:44 Uhr
Wenn Eltern rauchen und ihre Kinder darunter gesundheitlich leiden, sollte dies ein Thema in der Kinderarzt-Sprechstunde sein. Dazu steht jedenfalls Dr. med. Wolf-Rüdiger Horn, Kinder- und Jugendarzt in Gernsbach. Der Suchtbeauftragte des Berufsverbandes Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat einen Leitfaden zur Beratung verfasst.
Annegret Hofmann führte mit ihm folgendes Interview.


Rauchprävention in der Praxis – wie muss man sich das vorstellen? Wie ordnet sie sich ein in den Praxisablauf, wie sprechen Sie die Patienten an?
Horn. In meinem Leitfaden ermuntere ich die Kollegen, möglichst während des normalen Untersuchungsablaufs, z. B. nachdem man nach allergischen Belastungen in der Familie gefragt hat, auch nach Rauchgewohnheiten zu fragen. Die relativ neue Wissenschaft von der Risikokommunikation sagt uns, dass es Sinn macht, Gespräche ohne Vorwurfshaltung, auch Rauchmotive verstehend, zu führen und für kleine Veränderungen zu werben, die sich auf die Gesundheit des Kindes positiv auswirken. Eine solche Ansprache erfordert im allgemeinen nur einen minimalen Zeitaufwand.
Natürlich sollten Eltern vom Arzt auch die Risiken des Passivrauchens für ihre Kinder erfahren. Das lässt sich mit einem bis zwei Sätzen bewerkstelligen. Es wäre weiterhin vorteilhaft, über Rauchen und Stillen zu sprechen und, wenn möglich, den Partner mit einzubeziehen. Größere Kinder können dann auch direkt angesprochen und in ihrer Nichtraucher-Haltung bestärkt werden.

Die sprechende Medizin ist ein Stiefkind innerhalb des Systems, weil sie bei der Honorierung nicht ausreichend berücksichtigt wird. Wie kommen Sie dennoch auf eine angemessene Bezahlung solcher Leistungen?
Horn: Sie haben recht, viele Kollegen klagen: Was sollen wir an vorausschauender und "lifestyle"-Beratung, z. B. in den Vorsorgeuntersuchungen, noch alles leisten, ohne dass das Honorar entsprechend angepasst wird. Es ist einfach auch ärgerlich, wenn Sie rauchende Jugendliche beraten und eine "11" bei der Diagnose "Nikotin-Missbrauch" ansetzen, die Ihnen dann am Quartalsende wegen Budgetüberschreitung quasi weggestrichen wird. Mit Sicherheit ist das ein großes Hemmnis, das unbedingt angegangen werden muss. Prävention ist nicht zum Nulltarif zu haben. Bei einem gedeckelten Grünen Budget gibt es einfach keine angemessene Bezahlung. Mehr präventive Leistungen können im Grunde genommen nur dann angeboten werden, wenn mit den Kassen spezielle Budgets dafür vereinbart werden können.

Was können Sie Kollegen empfehlen, wenn diese sich für ein solches Angebot an Patienten interessieren. Was sind die Voraussetzungen und Bedingungen?
Horn:Als erstes dürfte die Lektüre des Tabakleitfadens und das langsame,
experimentierende Ausprobieren einiger dort genannter Empfehlungen ausreichen.
Und sie sollten sich die Elternausgabe der letzten PINA-News sowie die "Rauchfrei für mein Baby"-Broschüren bei der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung bestellen. Im Frühjahr wird die Kampagne "Just be smokefree" für jugendliche Raucher anlaufen,. Ab Herbst werden in einigen Regionen kurze Trainingseinheiten zur Kurzberatung suchtmittelkonsumierender Jugendlicher angeboten.
Eine größere Kampagne zum Thema Passivrauchen wird gerade von einigen Organisationen 'ausgeheckt'. Also, Bedingungen gibt's keine, einfach auf das Angebot achten und mitmachen!

Wie schätzen Sie die Bereitschaft von Kollegen ein, sich der Thematik zu widmen, was fördert, was hindert? Wie reagieren die Patienten?
Horn: Da sind wir noch ziemlich am Anfang. Besonders erfreut bin ich über das Engagement der pädiatrischen Allergologen mit ihrer PINA-Initiative, auch die Stiftung Kindergesundheit legt los. Insgesamt gibt es eine große Bereitschaft im BVKJ, sich mit der Tabakprävention zu beschäftigen und sich fortzubilden. Die größten Hindernisse sind Zeitmangel, deshalb wirklich nur kurze Beratungen, und die fehlende Honorierung. Wir müssen in den pädiatrischen Verbänden mehr darüber sprechen und, wie in anderen Ländern auch, das Thema schon in die medizinische Ausbildung integrieren. Förderlich wäre auch, wenn von der Gesundheitspolitik endlich wirklich spürbare Schutzmaßnahmen ergriffen würden. -
Zu Ihrer letzten Frage: Wenn die Botschaft richtig verpackt und rübergebracht wird, sind die Patienten durchaus ansprechbar und, wenn auch oft nur in geringem Umfang, veränderungsbereit.

Weitere Informationen:
Wolf-Rüdiger Horn
Kinder- und Jugendarzt
Igelbachstr. 7, D-76593 Gernsbach
Tel. 07224/2109, Fax 07224/2609, eMail horn@globalink.org
(Suchtbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V., Köln)

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