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Patientenpartizipation: Einfaches, das schwer zu machen ist?
Interview mit Christoph Kranich, Verbraucherzentrale Hamburg
Alle reden von Gesundheitsreform, aber wo bleibt sie? Und ebenso ominös ist das Gerede über den Patienten, den mündigen zudem, der aber offenbar als Person oder als Gruppe nur partiell fassbar ist ...

Kranich: Das ist ein Problem, das mich schon lange beschäftigt. Man kann Äußerungen von Experten im Gesundheitssystem beliebig herausgreifen – immer sprechen sie für den Patienten, reden davon, dass das Gesundheitssystem für ihn gemacht werde. Dabei sollte es darum gehen, dieses System mit ihm zu gestalten. Das zeigt – der Patient, im eigentlichen Sinne der Verbraucher oder Versicherte, ist immer noch ein Objekt dieses Systems. So wie es immer war.

Ärzte sprechen davon, dass viele Patienten ja eigentlich gar nicht mit entscheiden wollten. Und KBV-Chef Richter-Reichhelm meint, Ärzte seien – im Gegensatz zu den Krankenkassen – die Interessenvertreter der Patienten ...

Kranich: Ich weiß nicht, wer die Ärzte dazu autorisiert hat, das nehmen sie einfach so für sich in Anspruch. Kein Mensch kann ernsthaft glauben, eine an sich schon inhomogene Gruppe wie die von Patienten werde eine andere - noch dazu an ihnen verdienende Dienstleister - autorisieren, für sie in solch einer entscheidenden Frage wie der Gesundheitsversorgung sprechen zu können. Im besten Falle können Patienten und Ärzte partnerschaftlich miteinander umgehen, gemeinsam arbeiten. Von der Hilflosigkeit eines schwerkranken oder sehr alten Menschen auf das Verhalten aller zu schließen, ist schon mehr als kühn. Unfähigkeit zur Mitgestaltung ist die Ausnahme, die Regel müsste die aktive Partizipation am Gesundheitssystem sein. Wir alle wissen allerdings, dass das in der Realität nicht so ist.

Bleibt immer noch die Frage: Wie und wann nehmen die Patienten ihre Interessen wahr? Durch die Patientenorganisationen? In den Gremien der Krankenkassen? Als Versicherte allgemein? Hier sind ja wohl noch viele Fragen offen.

Kranich: Patientenvertretungen und Selbsthilfegruppen haben eine wichtige Funktion in der Versorgung, und sie nehmen diese Verantwortung auch im Interesse ihrer chronisch kranken Mitglieder wahr – unter dem Fokus der Erkrankung, des oft schwierigen Verlaufs und der Probleme, die Betroffene damit haben. Das kann oft nicht verallgemeinert werden auf die Interessen aller Patienten, umso weniger auf die der Versicherten, die ja in der Regel nicht oder nur gelegentlich erkrankt sind. Noch dazu kommt, dass wir es nicht selten erleben, dass Patienten vor den Karren irgendwelcher Interessen gespannt werden – der Ärzte, der Kassen, der Pharmaindustrie. Daraus folgt zunächst, dass Patientengruppen sehr unabhängige, auch weitblickende und verallgemeinerungsfähige Repräsentanten haben müssen, die dennoch das spezielle Interesse der ihnen Vertrauenden im Blick haben und umsetzen. Wie Versicherte im allgemeinen ihre Verantwortung im Gesundheitssystem wahrnehmen könnten, wer sie dabei vertreten kann, ist eine bisher nur unzureichend gelöste Frage. Vielleicht könnte es über die Krankenkassen gehen, wenn neue Formen der Selbstverwaltung entwickelt würden - aber bisher sind die Krankenkassen von so vielen Beschränkungen und Anforderungen abhängig, so wenig autonom in ihren Handlungen im Interesse der Patienten, und nicht zuletzt viel zu stark finanzbestimmt.

Sollten sich neue Verbände bilden? Wie bewahren sie ihre Unabhängigkeit und können dennoch schlagkräftig arbeiten?

Ich halte es für eine der ersten Voraussetzungen zur Versicherten- und Patientenpartizipation am Gesundheitswesen, dass erforderliche Informationen zur Verfügung gestellt werden, die Mitbestimmung und Entscheidung möglich machen. Unter anderem sicher auch über das Internet. Versicherte sollten Bescheid wissen über Alternativen bei der Entwicklung des Gesundheitssystems, über Finanzierungsfragen, Rechte und Pflichten von Versicherten, die Rolle der Eigenverantwortung, die zur Zeit z. B. im wesentlichen auf die Frage nach mehr Zuzahlung oder höhere Beiträge reduziert wird, und vieles andere mehr. Das Gesundheitswesen, das Lebensprozesse und Lebensqualität des einzelnen entscheidend mitbestimmt, darf kein Mysterium sein, das dem Bürger verschlossen bleibt und über das nur eine kleine Expertengruppe konkrete Kenntnis und Entscheidungsgewalt hat.

Aber Information ist nicht alles. Außerdem sind neue Mechanismen der Mitgestaltung nötig: vielleicht nicht gleich ein Patientenparlament oder eine Patientenkammer, aber ganz sicher brauchen wir legitimierte Institutionen der Artikulation des Patientenwillens in seiner ganzen Differenziertheit.

Sicher, das wird Geld kosten. Viel wichtiger ist jedoch zuerst einmal die Innovationskraft, die Politiker und Funktionäre im Gesundheitswesen brauchen, um diese Entwicklung aktiv vorantreiben zu können.
 
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